Stichwort Trauma

Was ist mit dem Trauma im Umgang mit Menschen auf der Flucht?

Eine Assoziation zum Thema Flucht: Trauma

Krieg, Not, Verfolgung, Leid, Tod, Hunger und Flucht – diese Begriffe und die dazugehörigen Bilder sind eng miteinander verknüpft. Wenn wir uns mit Menschen auf der Flucht beschäftigen, denken wir unmittelbar auch an die Ursachen und die Umstände ihrer Flucht. Für viele von uns ist es schwer vorstellbar, Krieg miterlebt zu haben, Hunger leiden zu müssen, Menschen sterben zu sehen, sich verstecken zu müssen oder die Heimat zu verlassen, um nur einige Beispiele zu nennen. Der Gedanke daran, dass Menschen in unserer Mitte – wie zum Beispiel die Flüchtlingskinder, die wir in die Gruppenstunde aufnehmen – solche Erfahrungen gemacht haben, berührt und verunsichert zugleich. Wie verhalte ich mich als Leiterin oder Leiter gegenüber diesen Gruppenkindern? Worauf muss ich achten? Welche Fragen darf ich bei einer Begegnung mit Flüchtlingen stellen und welche Fragen sollte ich lieber sein lassen?

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht leicht und können erst recht nicht in einem einzigen Artikel gegeben werden. Das Ziel dieses Artikels ist es, verunsicherten Leiterinnen und Leitern die Angst zu nehmen, Flüchtlinge in ihre Gruppenstunden aufzunehmen oder Flüchtlingen zu begegnen, weil sie traumatisiert sein könnten. Als Pfadfinderinnen und Pfadfinder haben wir nicht die Aufgabe traumatisierte Menschen zu behandeln. Was wir tun können, ist durch unsere Gruppenstunden ein bisschen Alltag in die Welt von Flüchtlingskindern zu bringen. Dieser Alltag bietet Sicherheit und positive Erfahrungen. Ebenso einzelne Aktionen, mit denen wir Menschen auf der Flucht gastfreundlich in Deutschland empfangen und die ablenken können von der Tristesse des Alltags. Das ist im Rahmen unserer Tätigkeit möglich. Alles andere sollten wir professioneller Hilfe überlassen, denn für den Umgang mit Traumatisierungen sind andere Stellen zuständig. Nichtsdestotrotz können wir uns darüber informieren, um etwas Sicherheit zum Thema Trauma zu gewinnen. Deshalb möchte ich im Folgenden einen Überblick darüber geben, was ein Trauma ist, wie sich eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt und wie sie professionell behandelt wird. Ganz am Schluss gehe ich noch einmal darauf ein, was dies für den praktischen Alltag von Leiterinnen und Leitern im Umgang mit Flüchtlingskindern und Flüchtlingen bedeutet.


Was ist ein Trauma?

Zunächst stellt sich die Frage, was mit Menschen passiert, die solch massiven, leidvollen Erfahrungen ausgesetzt sind. Schnell wird im Alltag der Begriff „Trauma“ verwendet, wenn es um persönliche Verletzungen, Streitigkeiten oder unangenehme Erfahrungen geht. Aus klinischer Sicht ist ein Trauma jedoch mehr als beispielsweise in einem Streit verletzt zu werden. In der klinischen Psychologie wird ein Trauma durch die Konfrontation mit tatsächlichem oder drohendem Tod, einer ernsthaften Verletzung oder sexueller Gewalt definiert. Dabei ist es egal, ob man diese Ereignisse selbst erlebt hat oder ob man dabei war als es jemand anders passiert ist. Selbst wenn man „nur“ davon erfahren hat, dass eine nahe stehende Person, zum Beispiel aus der Familie oder ein Freund, eine traumatische Erfahrungen gemacht hat, handelt es sich aus klinischer Sicht um eine Traumatisierung. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein Trauma ein massiver Einschnitt im Leben eines Menschen ist, eine extrem belastende Erfahrung, die mit großem Entsetzen und Schrecken einhergeht. Ein Trauma zu erleben, ist gar nicht so selten. Fast alle Menschen erleben mindestens einmal in ihrem Leben ein traumatisches Ereignis.


Was kennzeichnet eine Posttraumatische Belastungsstörung?

Die Folgen einer solchen Erfahrung können sehr vielfältig sein. Systematisch beobachtet und zusammengefasst wurden diese Folgen zum ersten Mal anhand von Veteranen, die aus dem Vietnam-Krieg zurückgekehrt waren. Dabei zeigte sich ein klares Muster bestimmter Verhaltensweisen, die überzufällig häufig von den Veteranen gezeigt wurde. Dieses Muster wurde dann „Posttraumatische Belastungsstörung“ (kurz: PTBS) genannt. Mittlerweile gibt es weltweite Untersuchungen zur PTBS, die zeigen, dass dieses Muster bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen generell vorkommt. Vier Kernsymptome kennzeichnen das Auftreten einer PTBS:

  1. Betroffene haben das Gefühl, das Trauma wieder zu erleben. Wie in einem Film erleben sie die Szenen noch einmal, manchmal am hellen Tag, manchmal nachts im Traum, manchmal kommen die Erinnerungen auch in Form von Gerüchen oder Geräuschen zurück.

  2. Weil die Erfahrungen so schrecklich waren, versuchen Betroffene alle Verbindungen zu den traumatischen Erinnerungen zu kappen. Sie vermeiden Orte, Menschen, Gedanken, Filme, Kleidungsstücke, eben alles, was sie an das Trauma erinnern könnte.

  3. Häufig geht mit dem Trauma eine extreme emotionale Veränderung einher. Menschen, die vorher fröhlich und aufgeschlossen haben, werden misstrauisch oder ängstlich. Auch die Gedankenwelt verändert sich. Manche Menschen geben sich die Schuld daran, dass ihnen ein Trauma wiederfahren ist, andere können anderen Menschen nicht mehr vertrauen.

  4. Auch körperlich können sich Menschen nach einer traumatischen Erfahrung verändern. Typisch sind Schreckhaftigkeit und eine ständige innere Anspannung, ein immerwährendes „auf-der-Hut-sein“ und die Wachsamkeit, ständig eine Fluchtmöglichkeit zu haben.


Bekommt man immer eine PTBS, wenn man ein Trauma erlebt hat?

Interessanterweise tragen aber nicht alle Menschen, die ein Trauma erlebt haben, negative Folgen davon. Studien haben gezeigt, dass das Risiko nach einem Trauma eine PTBS zu entwickeln für Frauen bei 20-30% und für Männer bei 8-13% liegt. Im Umkehrschluss heißt das, dass 70-80% aller Frauen und 87-92% aller Männer nach einem Trauma keine PTBS entwickeln. Bisher gibt es noch keine finale Antwort darauf, warum manche Menschen eine PTBS entwickeln und andere einen Weg finden, um ihr Trauma zu bewältigen. Die Wahrscheinlichkeit für eine PTBS steigt auf jeden Fall mit der Anzahl der traumatischen Erfahrungen und mit der Schwere des Ereignisses. Auch die Ursache des Traumas spielt eine Rolle. Mit Naturkatastrophen kommen Menschen scheinbar besser zurecht als mit menschengemachten Traumatisierungen. Wichtige Schutzfaktoren gegen eine PTBS sind ein sicheres Umfeld und ein soziales Netzwerk, was einen nach der Katastrophe auffängt und unterstützt.


Wie kann ein Trauma verarbeitet werden?

Um besser zu verstehen wie eine PTBS zustande kommt, welche Faktoren davor schützen und wie man sie am Ende behandelt, lohnt es sich, die innere Verarbeitung bei einer Traumatisierung näher zu betrachten. Es ist nicht schwierig, sich vorzustellen, dass man im Angesicht der Todesgefahr, die von einem traumatisierendem Erlebnis ausgeht, unter Stress stehen würde. Egal ob Autounfall, Raubüberfall, Verfolgung oder Vergewaltigung, die Bedrohung führt dazu, dass der Körper sich zur Verteidigung oder zur Flucht rüstet, in jedem Fall, unglaublich viele Stresshormone ausschüttet. Diese wiederum blockieren die Areale im Gehirn, die für die tiefere Verarbeitung relevant sind. In diesem Moment ist es zentral, schnell zu handeln und nicht lange nachzudenken. Das führt dazu, dass es von einer traumatischen Erinnerung im Grunde zwei Gedächtnisspuren gibt. In der einen Spur sind die Fakten gespeichert: Wo ist es passiert, wer war dabei und wann war das Ereignis. Die andere Spur beinhaltet dagegen alle sensorischen Erfahrungen: Bilder, Gerüche, Geräusche. Normalerweise werden diese beiden Informationen verknüpft. So hat man von seinem letzten Geburtstag meistens im Kopf, wann man gefeiert hat, wen man eingeladen hatte und vielleicht auch wie die Torte geschmeckt hat. Bei einer traumatischen Erfahrung sind diese Informationen dagegen getrennt. Das führt dazu, dass die sensorischen Erfahrungen immer wieder so auftauchen als würden sie genau jetzt geschehen. Der Geruch von Blut, Schreie, das Bild eines sterbenden Kindes tauchen einfach auf, wenn aus irgendeinem Grund diese Gedächtnisspur aktiviert wird. Es fehlt das Wissen, dass dieses Ereignis in der Vergangenheit liegt, denn das ist auf einer anderen Spur gespeichert. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen Menschen, die eine PTBS entwickeln und denjenigen, die das Trauma bewältigen.

Letztere schaffen es irgendwie diese beiden Informationen zusammenzufügen. Sei es dadurch, dass sie nachträglich ein Buch schreiben, oder einer vertrauten Person davon erzählen. Sie stellen sich ihren sensorischen Erinnerungen und verbinden sie mit den Fakten, so dass irgendwann die Gewissheit eintritt: Es war schlimm, aber es ist vorbei. Deshalb ist auch ein sicheres Umfeld wichtig, was unterstützt und trägt. Nicht alle Menschen sind nach einem Trauma wieder sicher, nicht alle Menschen haben ein Umfeld, was ihnen bei der Bewältigung ihres Traumas helfen könnte. Sie bleiben gefangen in traumatischen Erinnerungen, die sich anfühlen, als würden sie im Hier und Jetzt passieren. Häufig werden Drogen und Alkohol zu Mitteln, Erinnerungen an traumatische Erfahrungen zu ersticken. In Anbetracht des massiven Einschnitts in das Leben ist das absolut nachvollziehbar.

Psychotherapeutisch versucht man solchen Menschen zu helfen, indem man das gleiche macht, was vor einer PTBS schützt. Man versucht ein sicheres Umfeld zu schaffen und die Betroffenen dabei zu unterstützen das Trauma zu verarbeiten, in dem sie sich mit dem, was passiert ist, auseinandersetzen. Ziel ist dabei immer, die verschiedenen Gedächtnisspuren wieder zu verknüpfen, so dass am Ende das Bewusstsein entsteht: Es ist vorbei!

Es gibt einige berühmte Beispiele, die Wege gefunden haben, mit ihren traumatischen Erfahrungen umzugehen. Die Somalierin Waris Dirie hat traumatische Erfahrungen ihrer Kindheit zum Beispiel in ihrem Buch „Wüstenblume“ verarbeitet. Auch Esther Mujawayo beschreibt ihre Erfahrungen im Genozid in Ruanda in einem Buch. Ihre Ungerechtigkeitserfahrungen haben Waris Dirie und Esther Mujawayo außerdem dazu gebracht, politisch aktiv zu werden und sich für andere Frauen stark zu machen.


Was heißt das nun für die Gruppenstunde?

Es lässt sich festhalten, dass ein Trauma eine tief einschneidende Erfahrung im menschlichen Leben ist. Vermutlich haben viele Menschen auf der Flucht traumatische Erfahrungen gemacht. Diese Assoziation ist dementsprechend richtig. Jedoch wissen wir nichts darüber, was diese Erfahrungen für den Alltag in Deutschland bedeuten. Sicher gibt es Flüchtlinge, die ihre traumatischen Erfahrungen auf ihre Weise verarbeiten konnten und keine Folgen im Sinne einer PTBS erleben. Andere kämpfen womöglich weiter mit ihren Erinnerungen, versuchen sie zu unterdrücken und zu vermeiden. Als Pfadfinderinnen und Pfadfinder haben wir wie eingangs erwähnt nicht die Aufgabe, bei der Aufarbeitung eines Traumas zu unterstützen. Wir laden Flüchtlingskinder und –Erwachsene ein, an unserem Alltag teilzunehmen, an unseren Gruppenstunden, Zeltlagern und Aktionen und bieten ihnen damit wieder etwas Alltag an. Damit können wir ein Umfeld schaffen, das neue, das positive Erfahrungen ermöglicht. Dabei ist es wie bei unseren eigenen Gruppenkindern und Mitleiterinnen und –leitern wichtig, jedem einzelnen Flüchtling mit Respekt zu begegnen. Wenn ein Flüchtlingskind nicht im Dunkeln spielen will, dann sollten wir es nicht dazu zwingen. Wenn ein Erwachsener im Gespräch eine Frage nicht beantworten möchte, dann sollten wir nicht nachbohren. Und falls es doch dazu kommen sollte, dass uns ein Mensch seine Erfahrungen anvertraut, dann kann es der Verarbeitung des Traumas nicht schaden zuzuhören. Es geht also vor allem um einen respektvollen, achtsamen Umgang mit Menschen, die viel Leid erfahren mussten. Und es geht darum, diesen Menschen durch die Begegnung mit uns Pfadfinderinnen und Pfadfindern andere Erfahrungen zu ermöglichen, Spaß zu haben, zu spielen, einen neuen Alltag zu erleben.


Und was ist, wenn mir jemand von einer traumatischen Erfahrung erzählt und ich damit nicht zurechtkomme?

Viele Erfahrungen, die Menschen auf der Flucht machen, sind für uns schwer vorstellbar. Sie sind grausam und schmerzvoll und wenn wir davon erfahren, hinterlassen sie uns betroffen, berührt, schockiert, meistens sprachlos. Diese Gefühle können überwältigend sein, können zu Tränen rühren oder Wut entfachen. Im Grunde ist das erst einmal gut, denn es zeigt, dass wir nicht abgestumpft sind durch die Nachrichten in unserer Welt. Es zeigt echtes Mitgefühl mit den Erfahrungen anderer Menschen. Und auch für uns gilt, was für traumatisierte Menschen ebenfalls gilt: Den Bericht einer traumatischen Erfahrung zu verarbeiten. Jeder und jede von uns hat eigene Wege zur Verarbeitung von belastenden Erfahrungen. Meistens hilft es, sich einem Freund oder einem Familienmitglied anzuvertrauen, Tagebuch oder einen Brief zu schreiben. Dabei ist es wichtig, sowohl die Ereignisse als auch die Gefühle in Worte zu fassen, denn auch so findet bei uns eine Verknüpfung der verschiedenen Qualitäten der Erinnerung statt. Daneben ist es auch wichtig, sich irgendwann wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, um nicht in der Vorstellung des Berichts zu versinken. Normalerweise geht die Belastung durch eine solche Erzählung innerhalb einer Woche zurück. Falls man nach einer Woche weiterhin stark belastet sein sollte, kann es hilfreich sein, sich Unterstützung zu suchen. Dies kann sowohl innerhalb des Stammes, in der Leiterrunde passieren, so wie man es bei anderen schwierigen Erfahrungen machen würde. Alternativ kann man sich jedoch auch an die Flüchtlingsräte der Bundesländer, an die Arbeitskreise in den Kommunen, die zum Thema Flucht und Asyl arbeiten oder aber an psychosoziale Netzwerke wenden, die sich mit dem Thema Trauma besser auskennen.

Gerne stehe ich als psychologische Psychotherapeutin auch für Rückfragen zur Verfügung.

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