Wer bestimmt über mein Leben

Ich bin ich
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Gut dass wir alle in Freiheit leben können! Zumindest sind wir weitestgehend frei. Wir können Entscheidungen für uns selbst und unser Leben treffen. Denken wir zumindest. Aber das ist nicht für alle Menschen so. gerade Menschen mit Behinderung können oftmals nicht über ihr Leben bestimmen.

Die größte Entscheidung im Leben, die allen Menschen abgenommen wird, ist wohl auch gleich die Schwerste: Darf ein Kind leben oder nicht? Die moderne Medizin verfügt heute über viele Möglichkeiten, schon lange vor der Geburt heraus zu finden, ob ein Kind gesund oder mit Behinderung zur Welt kommen wird. Ultraschall, Fruchtwasser-Untersuchungen oder die viel diskutierte Präimplantationsdiagnosik (PID) sind nur ein paar Beispiele, die werdende Eltern vor die Entscheidung für oder gegen die Weiterführung der Schwangerschaft stellen.

Einflüsse auf Entscheidungen wachsen

Doch so eine Entscheidung kann nie Sicherheit versprechen, da alle diese Verfahren nicht zu 100% zuverlässig sind. Auch kann so eine Untersuchung ein Risiko für Mutter und Kind darstellen. Und vor der Gefahr von Entwicklungs- oder Geburtsschäden bewahren sie natürlich auch nicht. Ist das erwartete Kind erst einmal da, stellen sich ständig neue Fragen. Im Kleinkindalter sind diese Fragen weitestgehend die Gleichen– egal ob eine Behinderung vorliegt oder nicht. Je älter ein Kind mit Einschränkungen wird, desto größer und umfangreicher werden auch die Einflüsse auf zu treffenden Entscheidungen.

Gesetzgebund nimmt Einfluss

Einfluss auf die Entscheidungen nimmt auch die Gesetzgebung. Das zeigt sich zum Beispiel bei den Unterstützungsleistungen der Krankenkassen oder bei der Eingruppierung in Pflegestufen. Ein Beispiel dafür kann sein, dass eine Person im Rollstuhl sitzt und zur besseren Lebensbewältigung ein leichteres Modell hilfreich wäre. Auch wenn der behandelnde Arzt das bessere Modell verschreibt passiert es oft, dass die Krankenkasse die Unterstützungsleistung ablehnt und nur ein Modell mit geringerem Funktionsumfang bezahlt, da das verschriebene Modell die gesetzlich festgelegte Kostenpauschale übersteigt.

Entscheiden wer entscheidet

Je nach Grad der Einschränkung kann es sein, dass volljährige Menschen über längere Zeiträume oder sogar ihr ganzes Leben lang keine eigenen Entscheidungen treffen können und dürfen. Dann übernimmt für gewöhnlich eine von einem Gericht zugeteilte Person die Betreuung. Vor allem bei Selbst- und Fremdgefährdung werden in der Regel Betreuer eingesetzt. So eine Betreuung können medizinische Entscheidungen aber auch die Geschäftsfähigkeit betreffen. Zu so einer Situation kann es auch durch Krankheit oder Unfall kommen und jeden kann es betreffen. Doch jeder erwachsene Mensch kann vorsorgen, in dem er rechtzeitig einen Menschen bestimmt, der im Falle des Falles berechtigt ist Entscheidungen zu treffen.

Nicht alle Rechte sind aufgehoben

Hervorzuheben ist hier, dass betreute Menschen aber dennoch wahlberechtigt sind. Laut Bundeswahlgesetz hat lediglich eine Betreuung in „allen Angelegenheiten“, eine sogenannte Vollbetreuung, den Verlust des Wahlrechts zur Folge. Das heißt, auch Menschen mit körperlicher, seelischer oder geistiger Behinderung sind wahlberechtigt, da eine Betreuung nur sehr selten alle Lebensbereiche betrifft. Dieses Beispiel zeigt, wie dünn der Grat zwischen der Recht- und Unrechtmäßigkeit von Fremdbestimmung ist.

Vorurteile und ihre Folgen

An einem weiteren Punkt der das Leben von Menschen einschränkt, sind wir wahrscheinlich alle hin und wieder in irgendeiner Form beteiligt. Nämlich dann wenn Entscheidungen getroffen werden, weil wir Menschen einen Stempel aufdrücken. In den Sozialwissenschaften wird dieses Phänomen Etikettierung genannt. Etikettierungen entstehen aus gesellschaftlichen Vorstellungen zu verschiedenen Merkmalen. Je unbekannter und abweichender diese Merkmale von der gesellschaftlichen Norm sind, desto einschränkender wirken sich diese „Stempel“ auf das eigentlich sonst so freie Leben aus. Zum Beispiel wird behinderten Menschen häufig zugeschrieben sie seien schlecht ausgebildet und können keine „höheren“ akademischen Berufe ausführen, machen mehr Fehler und sind häufiger krank. Aus Angst diesen Vorurteilen zu entsprechen passieren dann erst recht Fehler und Arbeitgeber überlegen sich als Folge ob sie in Zukunft wieder Mitarbeitende mit Behinderung einstellen werden. 

Eigene Entscheidungen sind die besten

Allen abgenommenen Entscheidungen ist gemein, dass sie die persönliche Freiheit einschränken. Auch wenn es bei manchen Krankheitsbildern oder Persönlichkeitsmerkmalen durchaus sinnvoll sein mag, individuelle Entscheidungskompetenzen einzuschränken um die Betroffenen oder die Allgemeinheit zu schützen, muss stets genau überlegt werden was man da warum tut und das sich diese Fremdbestimmung für die Betroffenen nie gut anfühlt.

Ein Artikel von Sebastian Huber aus der mittendrin 4/2013

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