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Alles Opfer oder was?

Sprechen und Schreiben mit und über Menschen mit Behinderung. Die Scheu mit Menschen mit Behinderung zu sprechen, ist oft groß. Scheinbar lauern überall Fettnäpfchen. Ein Perspektivwechsel kann dabei helfen. 

Leidmedien
Rolli, Krüppel und Co. – Nicht drum herum reden, einfach fragen. Jeder Mensch mit Behinderung wird klar sagen können, wie er bezeichnet werden

Eine Frau im Rollstuhl, eine Stimme aus dem Off: „Tapfer meistert sie ihr Schicksal.“ Wird schon stimmen, denke ich, schließlich hat es die Frau wirklich nicht leicht und tauschen möchte ich erst recht nicht. Ich stelle mir ein Leben im Rollstuhl kompliziert und voller Einschränkungen vor, weit entfernt von dem, was ich als „Normalo“ so gewohnt bin. Ich habe Mitleid und irgendwie macht sich auch Beklemmung breit. Lieber schnell weiterschalten, mit so viel Leid möchte ich nicht zu viel zu tun haben.

Wie viel Mitleid darf es sein?

Doch irgendwie beschäftigt mich die Szene weiter. In meinem unmittelbaren Bekanntenkreis gibt es so gut wie keine Menschen mit Behinderung. Wenn ich Menschen mit Behinderung treffe, bin ich immer unsicher, wie ich mit ihnen umgehen soll. Was darf ich sagen oder fragen, wie viel Mitleid oder Betroffenheit ist angemessen? Wie soll ich auf eine Behinderung eingehen, oder soll ich sie ignorieren?

Behinderung ist nicht gleich Leid

Dass es anderen Menschen auch so geht wie mir, zeigt die Internetseite www.leidmedien.de. Dort geht es zwar vor allem um die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung in den Medien, man kann sie aber auch ohne weiteres als Anleitung für die Kommunikation mit und über behinderte Menschen nutzen. Wichtigste Erkenntnis für mich: Behinderung ist nicht gleich Leid. Auch Menschen mit Behinderung führen in der Regel ein Leben mit Höhen und Tiefen, haben Kompetenzen und wollen vor allem eins: nicht nur über ihre Behinderung definiert werden. Die bringt natürlich Einschränkungen im Alltag mit sich, welche man auch benennen darf, aber Leid ist eine vor allem subjektive Kategorie. 

Die Opferperspektive verlassen

Jede Behinderung ist anders, es gibt nicht „den Behinderten“ oder „die Behinderte“. Woher kann ich also wissen, dass die Frau im Beispiel von gerade vor allem leidet? Ich unterstelle Leid, weil ich es mir angesichts der offensichtlichen Behinderung nicht anders vorstellen kann. Das zeigt aber eher meine beschränkte Sichtweise. Dementsprechend sagt auch die Opfer-Perspektive Menschen mit Behinderung häufig wenig zu. Opfer zu sein, heißt nämlich hilflos ausgeliefert zu sein, sein Leben nicht selbst in der Hand zu haben. Und dieses Klischee hat heutzutage mit der Wirklichkeit zum Glück meistens wenig zu tun.

Leidmedien.de

Die Homepage leidmedien.de ist eine Internetseite, die sich eigentlich an Journalistinnen und Journalisten richtet. Entstanden ist sie aus der Erfahrung heraus, dass in den Medien oft einseitig über Menschen mit Behinderung berichtet wird.

Leidmedien setzt sich für eine Berichterstattung jenseits der Klischees und aus neuen Perspektiven ein.

Die Homepage bietet gute Tipps, Hintergrundwissen und neue Sichtweisen auch für alle, die keine Medienvertretrinnen und -vertreter sind.

Empathie ist gefragt

Ich lerne, das Empathie hier gefragt ist. Das heißt, dass ich mich in mein Gegenüber hineinversetze und überlege, was ich in seiner Situation als angemessen empfinden würde. Und wenn ich mir unsicher bin: einfach fragen. Das ist für beide Seiten besser als endloses Gestottere oder peinlich berührtes Schweigen oder Wegschauen. Denn die allermeisten Menschen mit Behinderungen kennen Situationen, in denen Andere nicht wissen, wie sie mit ihnen umgehen sollen und haben eine ganz klare Vorstellung davon, wie sie angesprochen werden möchten und wie nicht.

Es geht um Kompetenzen

Vielen von euch ist das nicht neu, denn zum Glück gehören Menschen mit Behinderung ja in etlichen DPSG-Stämmen zum Alltag. Auch für BP war es normal, dass Menschen mit Behinderung zu den Pfadfindern gehören: „Das Pfadfindertum hilft ihnen durch Aufnahme in eine weltweite Bruderschaft, [...] indem es ihnen eine Möglichkeit schafft, sich selbst und anderen zu beweisen, dass sie selbst Dinge – und auch schwierige Dinge – tun können.“ Natürlich darf es nicht darum gehen, dass Menschen mit Behinderung anderen ihre Nützlichkeit beweisen, so verstehe ich dieses Zitat auch nicht. Vielmehr geht es um Kompetenzen und Selbstwirksamkeit behinderter Menschen. Und über Kompetenzen statt über Defizite definiert zu werden, ist ja genau das, was behinderte Menschen auch heute fordern – und was letztlich für jeden Menschen gilt.

Von Integration zu Inklusion

Allerdings hat sich heutzutage der Schwerpunkt etwas verändert. Während BP noch von Integration spricht, das heißt, dass Menschen mit Behinderung in eine bestehende Gruppe aufgenommen, aber immer noch gesondert betrachtet werden, geht es heute um Inklusion. Das bedeutet die vollständige und gleichberechtigte Beteiligung aller Menschen an gesellschaftlichen Prozessen, unabhängig von Fähigkeiten, Herkunft, Geschlecht oder Alter. Was sich etwas sperrig anhört, kennen Einige von euch vielleicht aus der Schule. Behinderte Schülerinnen und Schüler haben mittlerweile ein Recht auf Lernen an „normalen“ Schulen und in „normalen“ Klassen. Was Inklusion für die DPSG bedeuten kann, damit beschäftigt sich auch die Jahresaktion 2014 „Nix besonderes 14+ – gemeinsam stark!“. Damit solche Sätze, wie am Anfang des Artikels, in Zukunft seltener werden.

Ein Artikel von Cornelia Werbick aus der mittendrin 4/2013

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